Die Firmengeschichte im Überblick

Langeweile soll ja die beste Voraussetzung für gute Ideen sein. Vielleicht werden deshalb so viele geniale Erfindungen in den langen, dunklen Wintern im Schwarzwald geboren. Wenn die Feldarbeit ruht und der Schnee schwer auf den großen Dächern der abgelegenen Bauernhöfe liegt, ist in den Stuben Zeit zum Tüfteln – zum Beispiel an technischen Problemen.
Es ist dieser Schwarzwälder Erfindergeist, eine Kombination aus Kreativität und Pragmatismus, von dem auch Emil Frei beseelt ist. Doch seine Firma wird keine Uhren oder Maschinen auf den Markt bringen. Seine Angestellten tüfteln auch nicht an feinmechanischen Abläufen, sondern an hochexplosiven Rezepturen. FreiLacke ist eines der wenigen Chemieunternehmen im Schwarzwald-Baar-Kreis und doch eine typische mittelständische Schwarzwälder Erfolgsgeschichte.
Emil Frei wird 1885 auf einem Bauernhof in Döggingen geboren. Nach der Schule arbeitet er im Außendienst einer Lackfabrik und richtet 1909 im elterlichen Haus einen Stützpunktverkauf ein. Gleichzeitig sucht er nach geeigneten Grundstücken, auf denen er sein eigenes Unternehmen errichten will. Am Dögginger Bahnhof baut er schließlich das erste Firmengebäude, eine Kombination aus Büro, Lager und Wohnhaus mit einem erstaunlich großen Saal. Falls er mit seinem geplanten Farbengroßhandel scheitert, will Emil Frei hier eine Bahnhofswirtschaft eröffnen. Doch der Erste Weltkrieg und seine Folgen verhindern zunächst, dass Emil Frei seine Träume weiterverfolgt.
In den 1920er-Jahren eröffnet er schließlich den Großhandel für Farben. In den Verkaufsräumen berät Emil Frei Maler und Lackierer mit viel Herzblut und Fachwissen. Bald kommt er auf die Idee, nicht nur fertige Produkte und Standardfarben zu verkaufen, sondern Anstriche, Lacke und Kitte selbst herzustellen, um maßgeschneiderte, individuelle und noch bessere Lösungen anbieten zu können.
Dieser Service spricht sich herum. Und bald sind Emil Frei und seine Lackfabrik weit über die Grenzen Döggingens hinaus bekannt.

Es ist ein kalter Wintertag in Döggingen, Schnee liegt auf dem Hof. Obwohl Sonntag ist, herrscht in der Lackfabrik Betrieb. Schnaubend ziehen und schleppen einige Männer Säcke und Eimer zu den Schienen. Dort wartet bereits seit dem Vortag ein Waggon auf seine Beladung. Später, wenn der Güterzug aus Richtung Neustadt wieder an Döggingen vorbeikommt, wird er den Waggon ankoppeln und die Ware zum Zielort weitertransportieren.
Einer der Männer, die an diesem kalten Sonntag im Kriegswinter in Döggingen arbeiten, ist Josef Buri. Er ist seit 1941 in der Produktion angestellt. „Ab halb vier hat man das Frachtgut aufladen müssen. Im Winter mit dem Schlitten und im Sommer mit einem Wägelchen.“
Einer der großen Kunden, die den Fortbestand des Unternehmens sichern, ist in diesen Jahren die Deutsche Reichsbahn. Die Lage am Bahnhof in Döggingen erweist sich gerade in den Kriegsjahren als wichtiger Standortvorteil für die Firma Frei. Benzin und Diesel sind streng rationiert, und selbst bei Luftangriffen bleibt das Bahnnetz bis weit ins Jahr 1944 funktionsfähig.
Im April 1945 ziehen deutsche Einheiten vom Bregtal kommend durch Bräunlingen in Richtung Döggingen. Die Soldaten versuchen, sich bis zur Grenze durchzuschlagen, um einer Gefangennahme zu entgehen.[1] Am 8. Mai endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.
Die Erinnerungen an diese Zeit sind dunkel. Kurz vor Kriegsende wird Emil Freis Frau durch Maschinengewehrkugeln eines französischen Panzers getötet. Einer seiner drei Söhne, Franz, kehrt erst spät aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Die Erlebnisse dieser Jahre prägen ihn ein Leben lang.
Emil Frei selbst widmet sich nach Kriegsende mit ganzem Herzblut seiner Arbeit. Die Lackfabrik wird zu seinem Lebenswerk. Und die schicksalhaften Jahre schweißen die Firmenfamilie fortan noch enger zusammen.

Die ersten Jahre nach dem Krieg sind geprägt von Hunger, Mangel und Unsicherheit: Rohstoffe sind knapp, Infrastruktur und Verkehrsverbindungen sind zerstört, die Wirtschaft liegt am Boden. Und doch keimt zwischen den Trümmern die Hoffnung auf einen Neuanfang.
Es ist die „Stunde Null“ des Nachkriegsdeutschlands. Auch Emil Frei legt in diesen Jahren die Grundlagen für die Zukunft. Mit unternehmerischem Feingefühl und seinem ganz eigenen Führungsstil hinterlässt er Spuren und Erinnerungen im Unternehmen.
Döggingen, Anfang der 1950er-Jahre. Karl Sättele wollte eigentlich nur einen Aushilfsjob als Eimerputzer im Lacklabor. „Ich dachte, eine Lehre ist für mich zu schwierig. Als ich dann kündigen wollte, sagte der Seniorchef: Jetzt sind wir so zufrieden mit dir – du kannst auch hier eine Lehre machen!“ So wurde aus Karl Sättele ein Lacklaborant, später XXX
Emil Frei unterstützte seine Leute auch im Privaten. Für viele war „der Senior“ eine Art Vaterfigur. Manchmal legte er ein paar Süßigkeiten in die Lohntüte bei, an Weihnachten verteilte er Geschenke oder er half beim Einrichten der neuen Wohnung. Es sind diese kleinen Gesten, aus denen sich das große FreiLacke-Familiengefühl entwickelt.
Hans-Peter Frei erinnert sich noch gut an die Geschenke seines Großvaters, aber auch an das, was er ihm über das Geschäft gelehrt hat. „Lange hing ein Schild im Konferenzraum, auf dem stand: ‚Lieber Kunde, lieber Lieferant, wenn Sie nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten bedient werden, rufen Sie mich persönlich an.‘“ Darin steckt vieles von dem, was bis heute Teil des Erfolgsrezepts von FreiLacke ist – auch wenn sich einer allein längst nicht mehr persönlich um alles kümmern kann.
Emil Frei dagegen liebte seine Kontrollgänge bis zuletzt. „Man hat ihn meistens zuerst gerochen, weil er immer eine Zigarre im Mund hatte“, erzählt Erich Neubauer, der als Azubi anfing und später Branchenbetriebsleiter wurde. „Dann stand er plötzlich hinter einem – mit seinem Schäferhund – und fragte: Was machst du da?“
FreiLacke beschäftigt heute mehr als 600 Mitarbeitende weltweit und ist ein technisch wie organisatorisch modern aufgestelltes Unternehmen. Das zeigt sich bei großen Firmenfeiern ebenso wie in den Schwerpunktthemen wie der Nachwuchsförderung. Und es zeigt sich nach wie vor in den kleinen Dingen: in einem offenen Ohr trotz durchgetaktetem Alltag. In einer helfenden Hand für Kolleginnen und Kollegen. In einem vertrauensvollen Gespräch mit langjährigen Kunden. Dann ist der Geist des Firmengründers Emil Frei noch immer lebendig.

Die Wirtschaftswunderjahre. Es ist die Zeit der opulenten Weihnachtsfeiern, Schweinerippchen, Sauerkraut und Geschenkkörben mit eingelegten Gurken. Es ist die Zeit des Aufbruchs, des Wachstums, des Übergangs. Bei FreiLacke sind diese Jahre geprägt von der damals dominierenden Technik der Flüssiglacke, dem Geruch nach Lösungsmitteln – und den beständigen Veränderungen.
Kaum ist ein Umbau auf dem Gelände der Firma FreiLacke abgeschlossen, ist er schon wieder überholt. Gerade haben die Mitarbeiter im Labor eigene Sitzplätze am Fenster bekommen. Ein echter Luxus, doch auch mit Nachteilen. Denn unterhalb der Fensterfront führt eine öffentliche Straße über den Betriebshof zum Friedhof.
„Beerdigungen waren eine komische Situation“, erzählt Walter Bank, der 1962 seine Ausbildung beginnt. Damals ziehen Pferdegespanne die Sargwagen. Die Mitarbeiter im Labor bekommen die Anweisung, die Fensterplätze zu räumen, bis der Zug der Trauernden über den Hof gezogen ist.
Nicht nur aufgrund seiner Lage ist man mittendrin im Dorfgeschehen. Die FreiLacke-Familie hat einen eigenen Wagen an der Fasnet, eine eigene Betriebsmannschaft, die an örtlichen Turnieren teilnimmt. Und der Chef Emil Frei ist als Familienoberhaupt überall dabei. „Emil Frei kam ab und an vorbei, machte einen Hochschuss und ging wieder“, erzählt Alfred Komander. „Das nennt sich seitdem eine Emil-Frei-Bombe.“
Es ist eine Zeit der zwei Geschwindigkeiten. Auf der einen Seite kündigt sich das neue Zeitalter an – Wachstum, Wohlstand, wachsende überregionale Konkurrenz. Auf der anderen Seite ist Döggingen, in dem FreiLacke verwurzelt ist, noch stark landwirtschaftlich geprägt. Viele Mitarbeiter kommen schon im Morgengrauen in die Produktion, damit sie später noch auf dem Hof arbeiten können. Der Arbeitstag ist weniger eng getaktet, Prüfverfahren dauern zum Teil Jahre – in der Freiluftbewitterung können Ergebnisse frühestens nach 24 Monaten abgelesen werden – und vieles wird mit Augenmaß und Muskelkraft erledigt.
„Wenn ein Lastwagen gekommen ist, wurden alle zusammengetrommelt. Wir haben dann eine Reihe gebildet, um die Säcke zu entladen“, erinnert sich Walter Bank. Damit die Männer genügend Kraft haben, steht jedem in der Produktion ein halber Liter Milch frisch von der Molkerei zur Verfügung – abgefüllt in mit Namen beschriftete Glasflaschen. Samstags kommt Emil Frei vorbei und spendiert seinen Leuten einen Kasten Bier.
Es sind die Zeiten, die viele als die „guten alten Zeiten“ bezeichnen. Vor der Digitalisierung, vor dem Wettlauf der Technik, vor der Automatisierung. 1966 beginnt bei FreiLacke dann spürbar eine neue Zeit. Denn eine Generation mit vielen Ideen übernimmt das Ruder.

Drei Brüder, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.
Emil Frei junior, der Jüngste, ist eine Persönlichkeit, die man nicht vergisst. In seiner Lehre und im Außendienst in Döggingen sammelt er früh unternehmerische Erfahrungen. Er ist großzügig, charismatisch und hat immer ein offenes Ohr für die Menschen.
Franz Frei, der Älteste. Die Jahre in Kriegsgefangenschaft haben ihn geprägt. Er ist ernst, etwas streng – und hat stets eine Kiste Äpfel als Notproviant im Kofferraum. Doch auf Firmenfeiern zeigt sich seine gesellige und herzliche Seite. Franz Frei ist ein leidenschaftlicher Tüftler, ein Techniker, der um die Ecke denkt. 1967 gründet er die Firma Donauplast, ein Pionierunternehmen im Bereich der Glasfaser-Kunststoff-Fertigung, mit der er unter anderem Produkte für die Raumfahrt herstellt.
Und dann Erwin Frei, der Mittlere. Gefürchtet für seine Adleraugen, mit denen er die Ausgaben der Firma überwacht. Er ist genau – so genau, dass er immer einen Fehler findet, wenn er einen sucht. Besonders in Spesenabrechnungen. Und er liebt Briefmarken.
1966 übergibt Emil Frei senior die Geschäftsführung an seine drei Söhne. Emil Frei junior wird persönlich haftender Gesellschafter, Diplom-Ingenieur Franz Frei übernimmt die technische Leitung, Erwin Frei die Finanzaufsicht. Es ist diese besondere Kombination aus unterschiedlichen Talenten, Perspektiven und Stärken, die für Reibung sorgt – und zugleich die Basis für den großen Erfolg des Familienunternehmens bildet.
Den drei Brüdern gelingen in gleich mehreren Bereichen entscheidende Durchbrüche – sozusagen auf Bestellung. Für die Firma Stihl entwickelt FreiLacke eine Beschichtung mit der damals noch unerprobten Pulverlacktechnik. Die Testphase dauert fünf Jahre und erfordert hohe Investitionen. In der neuen Abteilung fliegt den Kollegen bei ihren abendlichen Experimenten, bei denen sie versuchen, Motorsägen aus Magnesiumdruckguss blasenfrei zu beschichten, schon einmal alles um die Ohren.
Doch der Mut und die Extraschichten zahlen sich aus. 1973 öffnen Erich Neubauer und Edmund Heintschel den Ofen, lassen einen Schwall Hitze heraus – und können ihren Augen kaum trauen.
„Wir haben uns angeguckt und gesagt: Bingo, jetzt haben wir es!“, erinnert sich Erich Neubauer.
Es ist der Beginn eines bis heute ungebremsten Erfolgszugs der umweltfreundlichen Pulverlacke.
Parallel dazu nimmt FreiLacke eine weitere Herausforderung an: die Entwicklung eines weißen Elektrotauchlacks (ETL) für den Lampenhersteller Ludwig Leuchten. Der Vorteil dieser Technik: Im Becken wird mit zwei Polen ein Spannungsfeld erzeugt, das dafür sorgt, dass die Partikel angezogen werden und selbst die hintersten Stellen eines Bauteils erreichen. Mit diesem vollautomatischen Verfahren wird auch das verwinkelte Innenleben von Lampen gleichmäßig beschichtet.
Der junge Lackingenieur Wolfgang Lindemuth übernimmt die anspruchsvolle Aufgabe, einen reinweißen ETL zu entwickeln. Dafür benötigt er den zehnkettigen Alkohol Dekanol. „Jedes Mal, wenn ich den Ofen aufgemacht habe, kam eine Wolke raus. Nach drei Monaten haben sie mich aus dem Labor rausgeschmissen, um von diesem Geruch befreit zu sein“, erzählt er. Doch Lindemuth kämpft weiter – und nach neun Monaten bringt er die ETL-Anlage zum Laufen. Wenig später beliefert FreiLacke nahezu die gesamte deutsche Leuchtenindustrie.
Es ist eine neue Etappe auf der spannenden Reise von FreiLacke, die mit der zweiten Generation beginnt. Und schon bald zieht es das Familienunternehmen von seinem Experimentierfeld im Schwarzwald hinaus in die große, weite Welt.

Die voll beladenen Lastwagen mit der Aufschrift „Emil Frei“ sind längst nicht mehr nur im Schwarzwald zu sehen. Sie fahren inzwischen quer durch das Land zum Beispiel zu den Zwischenlagern im Rheinland und in Hamburg oder auch über die schneebedeckten Pässe zu Kunden nach Italien. Und immer öfters überqueren die MitarbeiterInnen aus Döggingen die Grenzen der Bundesrepublik Richtung Osten.
Das deutsche Wirtschaftswunder ist 1973 endgültig an seine Grenzen gekommen. Viele Firmen verlagern ihre Produktion in den Ostblock, und auch der Dögginger Familienbetrieb knüpft dort Kontakte. Dank neuer Absatzmärkte gelingt es FreiLacke, erfolgreich am Markt zu bleiben und weiter zu wachsen. 1984 produziert der Betrieb erstmals über 10.000 Tonnen Farben und Lacke im Jahr – 15 Prozent davon bereits für das Ausland.
Ein großer internationaler Erfolg sind die speziell für Container entwickelten Beschichtungen. Renate Strohmayer leitet in den späten Achtzigerjahren die Abteilung und reist um die ganze Welt. Ihr erster Einsatz führt sie nach China. Schon die Anreise ist abenteuerlich: Sie strandet in Hongkong, schafft es schließlich nach Shanghai – und beweist dort große Durchsetzungskraft.
„Der Vize-Direktor hat immer wieder ins Chinesische gewechselt. Schließlich bin ich aufgestanden und hinausgegangen. Das war ein Gesichtsverlust für sie. Ich wurde wieder hereingeholt, und wir konnten auf Englisch weiterdiskutieren.“
Während die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die Welt reisen, hält in Döggingen das digitale Zeitalter Einzug. 1983 löst eine moderne EDV das alte Ormig-System ab. Viele Menschen befürchten damals, von Maschinen ersetzt zu werden. Die Kommunikation hingegen ist noch eher veraltet: Erhält einer der Geschäftsführer über die Telefonzentrale einen Anruf und ist gerade nicht am Platz, kommt die legendäre Hofhupe zum Einsatz. „Einmal hat es für Emil Frei gehupt, zweimal hintereinander für Franz Frei“, erzählt Klaus Schlautek, damals Lacklaborant. Das „böö“ und „böö-böö“ konnte – je nach Aufenthaltsort der Chefs – lange dauern. „Das war zum Teil ein fürchterliches Gehupe.“
FreiLacke wächst, wird moderner und internationaler. Doch trotz des Erfolgs, der enormen Wachstumsraten und internen Umstrukturierungen bleibt in Döggingen der familiäre Zusammenhalt bestehen. Emil Frei kümmert sich auch um persönliche Belange seiner Mitarbeitenden, ist da, wenn jemand Hilfe braucht. Und gemeinsames Feiern gehört zum Arbeitsalltag. „Wenn Franz Frei Geburtstag hatte, kam die ganze Labormannschaft zusammen“, erinnert sich Laborsekretärin Edith Muffler. „Einmal habe ich ihm eine Krawatte aus Glasfaser gehäkelt. Wir haben immer viel Spaß mit ihm gehabt.“
Doch die legendäre Ära der Brüder Emil, Franz und Erwin Frei neigt sich ihrem Ende entgegen. Und eine gute Nachfolgeregelung ist zunächst nicht in Sicht.

Als die Brüder Emil, Franz und Erwin Frei 1990 aus Altersgründen beschließen, zurückzutreten – Franz Frei wird 69 Jahre alt, Emil Frei 64 –, können sie auf 24 Jahre mit zum Teil zweistelligen Wachstumsraten zurückblicken. Sie haben aus einem kleinen Dögginger Familienbetrieb ein international erfolgreiches Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und namhaften Industriekunden entwickelt.
Doch an wen sollen sie ihr Familienunternehmen übergeben?
Die nächste Generation ist noch nicht bereit, dieses Erbe anzutreten. Franz Freis Sohn Hans-Peter Frei ist erst seit einigen Monaten im Betrieb. Rainer Frei, der Sohn von Emil Frei, studiert noch. Emil, Franz und Erwin beschließen deshalb, übergangsweise Fremdgeschäftsführer zu engagieren. Über einen Beirat behalten die Brüder weiterhin Mitspracherecht.
Aus der Übergangsphase werden zehn Jahre. Nicht alle Entscheidungen, die in dieser Zeit getroffen werden, sind unumstritten oder verlaufen reibungslos. Doch der unvoreingenommene Blick von außen, die innovativen Ideen und die neuen Perspektiven, die mit den familienfremden Geschäftsführern nach Döggingen kommen, fordern die etablierten Strukturen des Traditionsbetriebs heraus – und prägen FreiLacke nachhaltig.
1992 übernimmt zunächst Rudolf Luley die Geschäftsführung. Er führt ein Qualitätsaudit ein, standardisiert Arbeitsabläufe und entwirft neue Langfristziele. Der zuvor bei einem Mitbewerber tätige Unternehmer setzt außerdem durch, dass die traditionelle Malersparte an die Firma Sto verkauft wird. Doch nur ein Jahr nach seinem Amtsantritt stirbt Rudolf Luley an den Folgen eines tragischen Fahrradunfalls.
Auf ihn folgt 1993 Dr. Kurt Fahrenbach. Der bisherige Vorstandsvorsitzende eines Folienherstellers ist kein Experte für Lacke, bringt jedoch einen neuen, dezentralen und modernen Führungsstil nach Döggingen. Er führt Kalkulationen für Vertreter und Arbeitskreise ein, hinterfragt bestehende Arbeitsweisen und führt gleichzeitig Traditionen wie Mitarbeiteraktivitäten, die den Zusammenhalt und Teamgeist fördern, weiter und baut sie aus.
So wird aus der „Generationslücke“ eine strategisch wichtige Phase.
„Sie hat das Unternehmen weitergebracht“, sagt Dr. Rainer Frei heute. „In dieser Zeit wurde viel Verantwortung auf Abteilungsleiterebene verlagert, das prägt uns bis heute. Wir sind als mittelständisches und familiäres Unternehmen, was kollegiale Führungsstile anbelangt, denke ich, sehr weit.“

Was bringt die Zukunft? Niemand kann diese Frage in diesen Jahren mit Klarheit und Überzeugung beantworten. Vieles ist im Umbruch.
Die Mauer ist gefallen, der Maastrichter Vertrag zur Gründung der Europäischen Union unterzeichnet. Der massive Investitionsbedarf im Osten sorgt für einen Wirtschaftsboom und großen Investitionseifer. Doch wie hoch ist das Risiko? Wie wird sich die deutsche Wirtschaft insgesamt entwickeln? Und wie positioniert man sich strategisch auf einem europäischen Markt mit wachsendem Wettbewerb?
In der „Vision 2010“ – einer Sammlung von Leitsätzen und Zielen – versucht FreiLacke, Antworten in einer Zeit voller offener Fragen zu finden. Unter anderem nimmt sich das Unternehmen vor, sich weiter als Systemanbieter zu etablieren und auf die eigenen Werte und Stärken als gewachsene Firmenfamilie zu bauen.
Viele interne Abläufe werden in diesen Jahren neu strukturiert. FreiLacke investiert gezielt in die Technik der Zukunft und in seine Mitarbeiter. 2000 wird in Döggingen ein neues Pulverlack-Produktionsgebäude mit Schulungszentrum in Betrieb genommen. Bereits ab 1996 beteiligt sich das Unternehmen am Öko-Audit und verpflichtet sich damit, Umweltstandards kontinuierlich weiterzuentwickeln sowie Fortschritte und Herausforderungen transparent offenzulegen. 2003 übernehmen Dr. Rainer Frei und Hans-Peter Frei die Geschäftsleitung.
Die dritte Generation macht vieles anders als ihre Vorgänger. Sie bringt unter anderem ein neues „grünes Bewusstsein“ in das Unternehmen. Gleichzeitig hält sie an bewährten Traditionen fest und passt sie an aktuelle Anforderungen an.
Denn manchmal finden sich die Antworten auf die Fragen der Zukunft auch in der Vergangenheit.
So etwa im Grundgedanken des Firmengründers Emil Frei, der 1926 mit der Herstellung eigener Produkte begann, um individuell auf Kundenanforderungen eingehen zu können. Diese Kundenorientierung hat sich über alle Umbrüche hinweg bewährt – auch wenn es heute nicht mehr um Kleister und Farben für Handwerker geht, sondern um Systemlösungen für internationale Industriekunden.
Zugleich bekennen sich Dr. Rainer Frei und Hans-Peter Frei klar zur Heimat Döggingen – und lassen die Firmenfamilie dennoch international wachsen. 2006 gründet FreiLacke eine Tochtergesellschaft in England. Weitere sollten bald folgen.

Nicht alles war besser in den „guten alten Zeiten“. Lange gehörte es zum Alltag, dass Mitarbeitende abends von oben bis unten mit Farbe besprüht waren. „Die Lackzutaten wurden manuell zusammengemischt“, erinnert sich Helmut Trenkle. „Zuerst kamen die Flüssigkeiten hinein, etwa Harze und bestimmte Verdünnungen. Unter dem laufenden Mischer wurden dann die weiteren Zutaten zugegeben. Weil es keine Entlüftung gab, hat es natürlich stark gestaubt.“
Schon früh entwickelte sich bei FreiLacke jedoch ein neues Nachhaltigkeits- und Sicherheitsbewusstsein. Das Unternehmen investierte in Entlüftungsanlagen sowie in Lärm- und Brandschutz. Kritische Stoffe wie Lösemittel wurden kontinuierlich reduziert, umweltfreundliche Technologien wie Pulverlacke sowie VOC-arme bis VOC-freie Lacksysteme – etwa der Elektrotauchlack EcoOne – stehen bei FreiLacke im Fokus.
Zum einen liegen dem Familienunternehmen die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeitenden und die Natur der eigenen Heimat am Herzen. Zum anderen hat sich FreiLacke mit seinen Nachhaltigkeitsprojekten, einer gesunden Arbeitsumgebung und ambitionierten Umweltzielen frühzeitig als innovativer Hersteller und attraktiver Arbeitgeber am Markt positioniert.
Bereits 1995 wurde das Dögginger Unternehmen als einer der ersten Lackhersteller in Deutschland nach DIN ISO 9001 zertifiziert. 1996 bestand FreiLacke das Öko-Audit der EU (heute EMAS) und verpflichtete sich freiwillig, Betriebsabläufe und Produkte transparent als ökologisch einwandfrei zu dokumentieren. Der Fokus lag dabei auf der Ressourceneffizienz.
„Das beginnt schon bei der Rohstoffauswahl und beeinflusst alle Prozesse, das Arbeitsumfeld der Mitarbeitenden und die Kundenanwendungen“, so Rainer Frei. 1995 benötigte man in Döggingen beispielsweise noch 15.700 m³ Frischwasser. Dank der Nutzung von Regenwasser für die Maschinenkühlung und die sanitären Anlagen waren es 2011 – trotz stark gestiegener Produktionsmenge – nur noch 3.300 m³. In einem weiteren Projekt überdachte FreiLacke seine Reinigungsprozesse und entwickelte eine neue Reinigungsanlage, mit der die VOC-Emissionen um 98 Prozent reduziert werden konnten.
Dank dieses und vieler weiterer Projekte wurde FreiLacke in diesen Jahren mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Responsible-Care-Preis der chemischen Industrie in Baden-Württemberg, einem EMAS Award sowie mit einem Platz in der renommierten Liste der „100 Betriebe für Ressourceneffizienz“ des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Stuttgart.
„Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit sind kein Widerspruch“, betont Hans-Peter Frei. „Wir werden in diesen Bereichen unsere Anstrengungen und Investitionen weiter intensivieren.“ Ein Ziel ist eine komplett klimaneutrale Produktion. Seit den 1990er-Jahren wurden die CO₂-Emissionen in der Produktion bereits um 88 Prozent reduziert.
In Sachen Nachhaltigkeit sind die neuen Zeiten die guten.
Und sie werden in Zukunft noch besser.

September 2019. Rund 1.800 Menschen tummeln sich auf dem Betriebsgelände. Gefeiert wird die Eröffnung der neuen Pulverlack-Produktion. Unter den Gästen sind Mitarbeitende aus Döggingen, aber auch aus den Tochtergesellschaften sowie Vertriebspartner aus dem Ausland. Wie gewohnt packen alle mit an – Kolleginnen und Kollegen, Vereine, Rentner, Geschäftspartner.
Bereits am Tag zuvor war die gesamte Belegschaft in der Donauhalle zusammengekommen, wo der aktuelle Stand der Langfristpositionierung 2026 (LPF 2026) vorgestellt wurde.
An diesem sonnigen Wochenende zeigt sich, wo das Herz von FreiLacke schlägt – und welche Pläne das Unternehmen für die Zukunft hat: Digitalisierung, die Erschließung internationaler Märkte, innovative Kundenprojekte, Bauvorhaben. Doch wie heißt es so schön: Das Leben passiert, während du Pläne machst.
Dezember 2019. Internationale Presseagenturen berichten von einer „mysteriösen Lungenerkrankung“. Es folgt der erste Lockdown, die Aufträge brechen drastisch ein. Doch von Schockstarre ist in Döggingen nichts zu spüren. Ein Krisenstab wird gebildet, ein Hygienekonzept ausgearbeitet, Mitarbeitende wechseln ins Homeoffice. Dank kurzer Kommunikationswege, eines über Jahrzehnte gewachsenen Vertrauensverhältnisses zu Kunden und Partnern sowie des großen Einsatzes der Belegschaft gelingt es FreiLacke, flexibel durch die sich ständig verändernde Ausnahmesituation der Corona-Krise zu manövrieren – auf die im Februar 2022 mit dem Krieg in der Ukraine die nächste Zäsur folgt.
2016 bis 2026 ist ein Jahrzehnt der globalen Krisen. Und doch hat FreiLacke viele seiner Pläne umgesetzt. Auf die Einweihung der neuen Pulverlack-Produktion folgt im Juli 2020 die Eröffnung des neuen Verwaltungsgebäudes. Nach dem Aufbau des Schlüsselstandorts in China im Jahr 2015 kommen weitere Tochtergesellschaften in Schweden, den USA (2017), Mexiko und der Türkei hinzu. Ebenfalls 2020 geht nach achtjähriger Umsetzung ein neues zentrales ERP-System live.
Doch trotz Wachstum, Digitalisierung und Internationalisierung bleibt FreiLacke vor allem eines: eine große Familie.
Dass hier der Mensch im Mittelpunkt steht, zeigt sich an vielen Stellen. Zum Beispiel in der 2016 eröffneten neuen Kantine, deren Gestaltung auf Mitarbeiterwünschen basiert, aber auch in ausgelassenen Weihnachtsfeiern und gemeinsamen Wandertagen. Man spürt dieses „Wir-Gefühl“ daran, dass man über Probleme sprechen kann – und auch an Auszeichnungen wie „Bester Arbeitgeber Baden-Württemberg“, die auf anonymen Mitarbeiterbefragungen des Forschungsunternehmens Great Place to Work® basieren.
Auch in den langfristigen Strategieprojekten zeigt sich, wo das Herz von FreiLacke schlägt: zum einen in Döggingen, dem Standort, zu dem sich das Familienunternehmen seit 100 Jahren bekennt. Zum anderen bei den Kunden und den Herausforderungen, die nur mit Erfahrung, Sachverstand und Vertrauen gelöst werden können.
2026 beginnt die Umsetzung der Langfristpositionierung 2032 (LPF 2032) – auch wenn niemand weiß, was die Realität bringen wird. Doch aus den vergangenen 100 Jahren weiß man bei FreiLacke, dass Ziele erreichbar sind, wenn man zusammenhält.